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Radschrauben richtig anziehen: Drehmoment, Reihenfolge, Toleranz

Erfahren Sie, wie Sie Radschrauben richtig anziehen. Wichtige Tipps zum richtigen Drehmoment, der korrekten Reihenfolge und Toleranzen beim Radwechsel.

Radschrauben richtig anziehen: Drehmoment, Reihenfolge, Toleranz
Radschrauben richtig anziehen: Drehmoment, Reihenfolge, Toleranz

Der halbjährliche Radwechsel steht an: Von Sommer- auf Winterreifen oder umgekehrt. Für viele Autofahrer und Hobby-Mechaniker ist das ein routinemäßiger Vorgang, der gerne mal am Samstagnachmittag in der heimischen Garage erledigt wird. Doch so einfach der Radwechsel auch erscheinen mag, es gibt einige essenzielle Dinge zu beachten, um die eigene Sicherheit und die anderer Verkehrsteilnehmer nicht zu gefährden.

Einer der wichtigsten, wenn nicht sogar der wichtigste Schritt beim Radwechsel, ist das korrekte Anziehen der Radschrauben (oder Radmuttern). Werden diese zu locker angezogen, besteht Lebensgefahr, da sich das Rad während der Fahrt lösen kann. Werden sie hingegen zu fest angezogen, drohen teure Schäden an Gewinden, Felgen oder Bremsscheiben.

In diesem umfassenden Ratgeber erfahren Sie alles, was Sie über das richtige Anziehen von Radschrauben wissen müssen. Wir beleuchten die Themen Drehmoment, die korrekte Reihenfolge (Stichwort: über Kreuz) und werfen einen genauen Blick auf die zulässigen Toleranzen, damit Ihr nächster Radwechsel nicht nur reibungslos, sondern auch absolut sicher abläuft.

Warum ist das richtige Anziehen der Radschrauben so wichtig?

Die Radschrauben sind das einzige Bindeglied zwischen Ihrem Fahrzeug und den Rädern, die wiederum den Kontakt zur Straße herstellen. Sie müssen enorme Kräfte aufnehmen: Beschleunigung, Bremskräfte, Fliehkräfte in Kurven und Stöße durch Unebenheiten auf der Fahrbahn.

Wenn die Schrauben nicht mit der nötigen Kraft angezogen sind, können sie sich durch die ständigen Vibrationen während der Fahrt lockern. Die Folge: Das Rad beginnt zu “eiern”, das Lenkrad flattert, und im schlimmsten Fall verliert das Fahrzeug das Rad komplett – ein absolutes Horror-Szenario auf der Autobahn.

Die Gefahren von zu fest angezogenen Schrauben

Viele Mechaniker handeln nach dem Motto “Nach fest kommt ab – und davor kommt ganz fest”. Ein fataler Irrtum, besonders beim Räderwechsel! Zu fest angezogene Radschrauben bergen eine Reihe von Risiken:

  1. Überdehnung und Bruch: Die Schraube wird über ihre Elastizitätsgrenze hinaus gedehnt (plastische Verformung) und kann unter Belastung plötzlich brechen.
  2. Beschädigung des Gewindes: Sowohl das Gewinde der Schraube als auch das Innengewinde der Radnabe können durch zu hohes Drehmoment irreversibel beschädigt werden. Eine Reparatur der Radnabe ist kostspielig.
  3. Verspannung der Bremsscheibe: Werden die Schrauben extrem fest und womöglich noch ungleichmäßig angezogen (falsche Reihenfolge!), kann sich die Bremsscheibe verziehen. Dies führt zu einem pulsierenden Bremspedal und rubbelnden Bremsen.
  4. Beschädigung der Felge: Besonders empfindliche Leichtmetallfelgen (Alufelgen) können Risse an den Bohrungen für die Radschrauben bekommen, wenn das Anzugsdrehmoment viel zu hoch ist.

Drehmoment: Was ist das und warum ist es entscheidend?

Das Drehmoment (Einheit: Newtonmeter, Nm) beschreibt die Kraft, mit der ein Körper um eine Achse gedreht wird. Beim Radwechsel ist es die Kraft, mit der die Radschraube in das Gewinde der Radnabe gedreht und dadurch Felge und Nabe aneinandergepresst werden (die sogenannte Vorspannkraft).

Welches ist das richtige Drehmoment?

Es gibt nicht das eine Anzugsdrehmoment für alle Autos! Das korrekte Anzugsdrehmoment variiert stark und hängt von mehreren Faktoren ab:

  • Fahrzeugmodell: Ein Kleinwagen benötigt ein anderes Drehmoment als ein schwerer SUV oder ein Transporter.
  • Felgenart: Stahlfelgen benötigen meist ein etwas anderes Drehmoment als Aluminiumfelgen. Bei Alufelgen ist das Maß oft besonders wichtig, um das Material nicht zu beschädigen.
  • Anzahl der Schrauben: Fahrzeuge mit 4-Loch-Felgen haben teils andere Vorgaben als solche mit 5-Loch-Felgen.
  • Schraubenart: Es gibt Kugelbund- und Kegelbundschrauben, die je nach Hersteller und Felge verwendet werden. Auch Gewindesteigung und Durchmesser (z.B. M12 oder M14) spielen eine Rolle.

Als grober Richtwert gilt:

  • Für die meisten Kleinwagen: ca. 80 – 110 Nm
  • Für Mittelklassewagen: ca. 110 – 130 Nm
  • Für SUVs, Vans und Oberklasse: ca. 130 – 160 Nm (manche sogar bis 200 Nm)

WICHTIG: Verlassen Sie sich niemals auf Richtwerte! Schauen Sie immer in der Bedienungsanleitung Ihres Fahrzeugs nach. Dort ist das herstellerspezifische Anzugsdrehmoment in Newtonmeter (Nm) exakt vermerkt. Bei Zubehörfelgen aus dem freien Handel finden Sie diese Angabe im beiliegenden TÜV-Gutachten oder der Allgemeinen Betriebserlaubnis (ABE).

Ein Muss: Der Drehmomentschlüssel

Um das vorgegebene Drehmoment exakt einzuhalten, ist ein Werkzeug unverzichtbar: der Drehmomentschlüssel. Ein einfaches Radkreuz oder gar ein Schlagschrauber reichen für das finale Anziehen nicht aus.

  • Ein Schlagschrauber ist hervorragend zum Lösen der Schrauben geeignet. Zum Festziehen sollte er allenfalls (mit einem geeigneten Torsionsstab/Drehmomentstick) verwendet werden, um die Schrauben sehr leicht anzulegen. Das finale Festziehen obliegt immer dem Drehmomentschlüssel.
  • Achten Sie darauf, dass der Drehmomentschlüssel regelmäßig kalibriert wird (für Hobby-Schrauber ist das alle paar Jahre oder nach einem harten Sturz des Werkzeugs ratsam).
  • Wichtiger Tipp: Entspannen Sie den Drehmomentschlüssel nach der Benutzung immer! Stellen Sie die Skala auf den kleinstmöglichen Wert (oft Null oder der niedrigste Skalenwert) zurück. Bleibt die Feder im Inneren dauerhaft gespannt, verliert das Werkzeug seine Genauigkeit.

Die richtige Reihenfolge beim Anziehen: Immer über Kreuz!

Nun kennen Sie das richtige Werkzeug und den korrekten Wert. Der nächste kritische Punkt ist die Reihenfolge, in der Sie die Schrauben festziehen. Hier gilt ein ehernes Gesetz der Mechanik: Über Kreuz! (Auch als sternförmig bezeichnet).

Würden Sie die Schrauben einfach im Kreis herum eine nach der anderen festziehen (z.B. im Uhrzeigersinn), bestünde die Gefahr, dass die Felge leicht verkantet auf der Radnabe aufliegt. Das Rad würde dann nicht exakt zentriert (“plan”) sitzen. Die Folge sind massive Vibrationen beim Fahren, und schlimmstenfalls lösen sich bestimmte Schrauben wieder, weil die Spannung im Material ungleichmäßig aufgebaut wurde.

So ziehen Sie über Kreuz an (Schritt-für-Schritt):

  1. Reinigung: Vor der Montage müssen die Anlageflächen (Radnabe und Felgeninnenseite) frei von grobem Rost und Schmutz sein. Verwenden Sie eine Drahtbürste, arbeiten Sie dabei aber vorsichtig, um keine Riefen in die Radnabe zu kratzen. Ölen oder fetten Sie die Gewinde der Radschrauben nicht (es sei denn, der Hersteller schreibt dies explizit vor – was bei Pkw die absolute Ausnahme ist!). Etwas Kupferpaste darf höchstens auf die Radnabenzentrierung, niemals auf den Schraubenkegel oder das Gewinde, da dies die Reibwerte verändert und das Drehmoment verfälscht!
  2. Handfest montieren: Stecken Sie das Rad auf die Nabe und drehen Sie alle Schrauben von Hand oder mit der Stecknuss einige Umdrehungen ein, damit sie sicher sitzen. So verhindern Sie, dass Sie das Gewinde versehentlich schief (“cross-threading”) ansetzen.
  3. Leichtes Anlegen: Ziehen Sie die Schrauben mit dem Radkreuz oder einer Knarre leicht an, so dass die Felge bündig an der Nabe anliegt. Das Rad sollte dabei idealerweise noch in der Luft sein (Fahrzeug auf dem Wagenheber/der Hebebühne). Auch hierbei arbeiten Sie schon grob über Kreuz.
  4. Ablassen: Lassen Sie das Fahrzeug soweit ab, dass der Reifen gerade so den Boden berührt und nicht mehr freidreht. Vermeiden Sie aber, das volle Gewicht auf das lockere Rad zu verlagern.
  5. Finales Anziehen: Jetzt kommt der Drehmomentschlüssel, der auf den korrekten Nm-Wert eingestellt ist, zum Einsatz.

Das Schnittmuster („Über Kreuz“):

  • Bei 4-Loch-Felgen:

    • Schraube 1 (z. B. 12 Uhr-Position) festziehen bis der Schlüssel knackt.
    • Schraube 2 (gegenüberliegend, 6 Uhr-Position) festziehen.
    • Schraube 3 (3 Uhr-Position).
    • Schraube 4 (gegenüberliegend, 9 Uhr-Position).
  • Bei 5-Loch-Felgen: (Hier zeichnen Sie quasi einen fünfzackigen Stern in die Luft)

    • Schraube 1 (oben)
    • Schraube 2 (die untere, schräg gegenüberliegende)
    • Schraube 3 (die obere auf der anderen Seite)
    • Schraube 4 (die untere auf der ersten Seite)
    • Schraube 5 (die letzte verbliebene)
  • Bei 6-Loch-Felgen: Ähnlich wie bei der 4-Loch-Felge: Immer die genau gegenüberliegende Schraube als nächstes wählen.

Ziehen Sie in einer fließenden Bewegung am Drehmomentschlüssel, ohne ruckartige Stöße. Sobald das spür- und hörbare „Knack“ des Werkzeugs ertönt, ist das korrekte Drehmoment erreicht. Ziehen Sie danach nicht mehr weiter nach! Viele neigen dazu, nach dem Klicken noch einen “Sicherheits-Ruck” zu geben. Dies führt sofort zu einer massiven Überschreitung des Drehmoments.

Toleranzen beim Anzugsdrehmoment: Gibt es überhaupt Spielraum?

Ein häufiges Thema in Foren und Stammtischdiskussionen: “Kann ich anstatt der vorgeschriebenen 110 Nm auch einfach 120 Nm nehmen, damit es wirklich sicher ist?”

Die kurze Antwort lautet: Vermeiden Sie es, wenn Sie den exakten Wert kennen.

Die ausführliche Antwort erfordert einen Blick auf die Toleranzketten bei Schraubverbindungen. Jede Schraubverbindung hat eine ingenieurstechnisch berechnete Toleranz. Das bedeutet: Wenn im Handbuch 110 Nm stehen, wird Ihnen das Rad bei 100 Nm nicht sofort abfallen, und bei 120 Nm reißt nicht sofort das Gewinde aus. Die Verbindung ist so ausgelegt, dass leichte Abweichungen verkraftet werden.

Woher kommen diese Abweichungen in der Praxis?

  1. Ungenauigkeit des Messwerkzeugs: Selbst hochwertige Drehmomentschlüssel haben eine Messungenauigkeit (Auslöstetoleranz) von etwa +/- 3 % bis +/- 4 %. Bei eingestellten 130 Nm lösen Sie also ohnehin erst bei einem Wert zwischen ca. 125 und 135 Nm aus. Günstige oder unkalibrierte Baumarkt-Schlüssel haben oft deutlich höhere Toleranzen.
  2. Reibwerte des Gewindes: Ist das Gewinde am Fahrzeug etwas rostig oder verschmutzt, wird ein Großteil der Kraft, die Sie auf den Schlüssel bringen (die Nm), dafür aufgewendet, diese Reibung zu überwinden, anstatt die Felge festzuziehen. Hier ist die sogenannte Klemmkraft (die Kraft, die das Rad auf der Nabe hält) bei gleichem Auslösemoment des Schlüssels plötzlich viel geringer als bei einem sauberen Gewinde. (Daher die Regel: Rost entfernen, aber nicht ölen, da Öl den Reibwert extrem absenkt und die Schraube bei gleichem Nm-Wert stark überdehnt wird!)
  3. Menschlicher Faktor: Ein ruckartiger Zug am Schlüssel führt meist zu einer Überschreitung des eingestellten Drehmoments, weil die Trägheit ein rechtzeitiges Stoppen beim Klicken verhindert.

Das Fazit zur Toleranz

Wegen genau dieser Summe an unbeeinflussbaren Ungenauigkeiten (Werkzeug + Materialzustand + Anwender) ist es so enorm wichtig, dass Sie bewusst keine zusätzliche Toleranz addieren (“ein paar Nm mehr zur Sicherheit”).

Stellen Sie den Drehmomentschlüssel exakt auf den Wert im Handbuch ein. Die unvermeidbaren Toleranzen in der Mechanik sind von den Automobilherstellern bereits einkalkuliert.

Der letzte (aber nicht unwichtige) Schritt: Das Nachziehen

Haben Sie alle vier (oder fünf) Räder korrekt über Kreuz und mit dem spezifizierten Drehmoment montiert, ist die Arbeit vorerst abgeschlossen. Ein Detail wird jedoch gerne aus Bequemlichkeit vergessen: Das Nachziehen der Radschrauben.

Werkstätten vermerken auf der Rechnung oft den Satz: “Radschrauben nach 50 km nachziehen”. Das ist keine Floskel, sondern unerlässlich.

Warum müssen Räder nachgezogen werden?

Beim ersten Festziehen während der Montage können sich winzige Schmutzpartikel, ein Sandkorn oder kleine Rostkörnchen zwischen Felge und Radnabe oder unter dem Schraubenkopf befinden. Wenn Sie nun fahren, arbeitet das Material (Ausdehnung durch Wärme beim Bremsen, Vibrationen, Walkarbeit des Reifens). Diese Mikrobewegungen können dazu führen, dass die zuvor eingeklemmten Partikel zermahlen werden oder herausfallen.

Das Resultat: Der winzige Spalt, den diese Partikel eingenommen haben, verschwindet (sogenannte Setzbeträge), und die Schraubverbindung verliert drastisch an Vorspannkraft. Die Schraube sitzt nun unbemerkt etwas zu locker.

Die Lösung: Nehmen Sie nach 50 bis 100 Kilometern Fahrtstrecke (bevorzugt eine Fahrt, bei der die Bremsen und Räder kurz auf Betriebstemperatur kamen und wieder abkühlten) den Drehmomentschlüssel zur Hand. Stellen Sie den zuvor verwendeten Nm-Wert wieder exakt ein (keinesfalls mehr!) und checken Sie alle Schrauben (über Kreuz) reihum ab. Meistens “knackt” der Schlüssel direkt, was bedeutet, dass sich nichts gelöst hat. Sollten Sie jedoch feststellen, dass sich die Schraube noch ein kleines Stückchen drehen lässt, bevor der Klick ertönt, haben Sie gerade einen Setzverlust ausgeglichen, der sonst gefährlich hätte werden können.

Zusammenfassung: So wechseln Sie absolut sicher

  1. Stets die passenden Schrauben verwenden (Bundform, Länge beachten; original ist meist optimal).
  2. Anlageflächen (Radnabe, Felge) sauber halten, Rost mit Drahtbürste entfernen.
  3. Gewinde niemals ölen, fetten oder mit Kupferpaste einschmieren!
  4. Drehmomentangabe aus Handbuch oder ABE/TÜV-Gutachten heraussuchen.
  5. Schrauben zunächst handfest, dann leicht mit Radkreuz/Knarre andrehen.
  6. Finales Festziehen immer über Kreuz.
  7. Ausschließlich einen gut kalibrierten Drehmomentschlüssel in fließender Bewegung benutzen.
  8. Nach dem “Knack” des Schlüssels sofort stoppen. Nicht “nachlegen”.
  9. Nach 50-100 Kilometern Fahrt alle Schrauben mit dem gleichen Drehmoment kurz auf festen Sitz kontrollieren (Nachziehen).

Wenn Sie diese Regeln zur Reihenfolge, zum Drehmoment und zum Umgang mit Toleranzen beherzigen, können Sie die Fahrt mit Ihren frisch gewechselten Sommer- oder Winterreifen sorgenfrei und vor allem sicher genießen. Gute Fahrt!

Häufige Fragen

Häufige Fragen

Müssen Radschrauben nach der Montage immer nachgezogen werden?
Ja, es wird dringend empfohlen, die Radschrauben nach etwa 50 bis 100 Kilometern Fahrt nochmals mit dem vorgeschriebenen Drehmoment zu kontrollieren.
Darf man Schrauben beim Radwechsel einfetten?
Nein, das Gewinde und der Schraubenkegel der Radschrauben sollten niemals geölt oder eingefettet werden, da sich dies negativ auf die Reibwerte auswirkt.
Warum müssen Radschrauben immer über Kreuz angezogen werden?
Das über Kreuz (sternförmige) Anziehen verhindert, dass die Felge beim Festschrauben verkantet. So wird sichergestellt, dass das Rad zentriert und plan auf der Nabe sitzt.
Welches Drehmoment ist für meine Radschrauben richtig?
Das korrekte Drehmoment ist von Fahrzeug und Felgenart (Stahl- oder Alufelge) abhängig und liegt meist zwischen 110 und 140 Nm. Den exakten Wert finden Sie immer im Handbuch Ihres Fahrzeugs.

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